Der gemogelte Reaktor

Ein Hauch von Sizilien liegt in der Luft. Das Corpus Delicti: AKW Neckarwestheim 1. Der Vorwurf: Laut internen Unterlagen soll der Energiekonzern EnBW die Laufzeit des Reaktors durch gezielte Drosselung der Leistung künstlich verlängert haben, um eine Abschaltung vor der Bundestagswahl 2009 zu vermeiden. Und die Politik soll davon gewusst haben.

Polit-Posse um Laufzeitverlängerung

Gemäß der bisher geltenden Atomausstiegsvereinbarung wird die Restlaufzeit von Kernkraftwerken nach der jeweiligen Strommenge bemessen, die sie noch erzeugen dürfen.grey Der gemogelte Reaktor Nach deren Produktion erlischt die Betriebserlaubnis. Im Falle des Reaktors Neckarwestheim 1 wäre die maximale Strommenge unter normalen Bedingungen bereits Mitte Juli dieses Jahres erreicht worden und der Meiler hätte stillgelegt werden müssen. Stattdessen – darauf deuten der Umweltorganisation Greenpeace vorliegende Unterlagen hin – wurde die Stromproduktion in den Jahren 2007 und 2008 soweit gedrosselt, dass das Betriebsende deutlich über den Termin der Bundestagswahl hinaus verschoben werden konnte.

Kurioserweise ist EnBW zum mogeln nicht etwa in den Keller gegangen, sondern hat seinerzeit offenbar verschiedene Politiker von Union und FDP in das Vorhaben eingeweiht. In einer internen Präsentation des EnBW-Vorstands aus dem Jahr 2007 heißt es, die Drosselung der Stromproduktion solle im Zuge einer “zeitnahen Unterrichtung eines ausgewählten Kreises” erfolgen. Man munkelt, dass zu diesem Kreis auch der damalige Wirtschaftsminister Michael Glos sowie Volker Kauder, Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU, gezählt haben sollen. Weiterhin heißt es im vorliegenden Papier, dass von einer “proaktiven Unterrichtung der Presse” abzuraten sei. Proaktiv heißt hier nicht Joghurt, sondern umschreibt die Empfehlung, keine schnellforschen Informationen über die geplante Strategie kundzutun.

Das Geschehene lässt zwei Rückschlüsse zu. Erstens: Bei EnBW sieht man anscheinend regelmäßig das Politbarometer und die Sonntagsfrage. Und Zweitens: Wer glaubt, beim Ausstieg aus dem Atomausstieg ginge es vor allem um eine zukunftsfähige Energieversorgung und nicht etwa um Lobby-Interessen, hat die Augen wirklich ganz fest zugekniffen.

Foto © Pixelio, Konstantin Gastmann

Über den Author

Björn Katz ist Nachrichten-Redakteur und Blog-Autor. Er schreibt seit 2008 für StromAuskunft.

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