5. Teil: Interview mit Prof. Dr. Herbert Schui
Montag, den 30. Juni 2008Die Atomkraftwerke sollen sukzessive abgeschaltet werden. Aber wie wird die “Stromlücke” geschlossen? Zu diesem Thema werden wir Politiker und Verantwortliche der Stromindustrie befragen. Stromauskunft.de sprach mit dem Energieexperten Prof. Dr. Herbert Schui DIE LINKE, Mitglied des Deutschen Bundestages, Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft und Technologie.
Frage 1: Der Atomausstieg ist eine beschlossene Sache. Es stellt sich nun die Frage, wie kann die produzierte Energiedifferenz ausgeglichen werden?
Dr. Herbert Schui: Im Strombereich sind vor allem folgende drei Ziele wichtig: mehr erneuerbare Energien, ein geringerer Energieverbrauch und ein effizienterer Umgang mit Energie. Durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) verzeichnen wir in den letzten Jahren schon einen rasanten Anstieg des Anteils erneuerbarer Energien, hier ist das EEG das richtige Instrument (s. Frage 2).Daneben brauchen wir aber eine Energiespar- und -effizienzoffensive. Hier liegen viele Potenziale brach, obwohl sie relativ leicht erschließbar wären. Auf Seite der Stromerzeugung bedeutet dies die konsequente Förderung von Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen, die gleichzeitig Wärme und Strom produzieren und so zu einer optimalen Energieausbeute des eingesetzten Brennstoffs kommen. Das kürzlich beschlossene Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz bleibt hier leider auf halber Strecke stehen.
Noch viel weniger passiert jedoch bei der Förderung eines effizienten und sparsamen Umgangs mit dem produzierten Strom. Hier geht es um Ordnungsrecht wie strengere Standards für Elektrogeräte, aber auch um eine geschickte Investitionsförderung. So fordern wir einen “Energiesparfonds”, der ein breites Angebot an Energieeffizienz und -sparprogrammen für private Haushalte, Unternehmen und die öffentliche Verwaltung umfasst. Natürlich muss man dafür auch etwas Geld in die Hand nehmen. Mit einer Milliarde Euro jährlich ausgestattet, könnte ein solcher Fonds nach Berechnungen des Wuppertal-Instituts jährlich rund 75 TWh Strom und etwa 102 TWh Gas, Öl, Fernwärme und Kohle einsparen.
Die Energierechnung der Verbraucherinnen und Verbraucher würden dadurch netto um 9 Mrd. Euro pro Jahr und die Atmosphäre um Treibhausgasemissionen von jährlich bis zu 72 Mio. t CO2 entlastet. Und ganz nebenbei würden dadurch mehr als 40.000 Vollzeit-Arbeitsplätze entstehen. Wenn die politischen Weichen richtig gestellt würden, wäre auch ein beschleunigter Atomausstieg kein Problem.
Frage 2: Gibt es eine Prognose, wie hoch etwa der Anteil an Erneuerbaren Energien (EN) in fünf Jahren (2013) sein wird?
Schui: In den letzten sechs Jahren hat sich der Anteil erneuerbarer Energien mehr als verdoppelt. Im Jahr 2007 kamen über 14 Prozent des verbrauchten Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien. Dieser Aufwärtstrend wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Konkrete Zahlen für ein bestimmtes Jahr zu benennen wäre aber unseriös – zumal bislang jede Prognose übertroffen wurde.
Der Anteil erneuerbarer Energien am gesamten Endenergieverbrauch betrug im Jahr 2007 hingegen erst 8,5 Prozent. Dies liegt vor allem daran, dass der Ausbau erneuerbarer Energien zur Deckung des Wärmebedarfs viel zu schleppend verläuft. Hier hat die Koalition erst kürzlich mit der Verabschiedung des “Erneuerbare-Energien-Wärme-Gesetz” eine Chance vertan. In der jetzigen Form hätten sie sich das Gesetz sparen können. Zur Steigerung des Anteils erneuerbarer Energien im Wärmebereich wird es jedenfalls kaum beitragen, auch nicht bis 2013. Als politische Richtschnur für den Ausbau erneuerbarer Energien halten
wir bei einer entsprechenden politischen Weichenstellung eine Deckung eines Viertels des Gesamtenergieverbrauchs durch Erneuerbare bis 2020 für möglich, im Strombereich sogar eine Steigerung auf 35 Prozent.
Frage 3: Wie bewerten Sie die Option “Fusionsenergie”? Gibt es eine Chance, durch Erhöhung der Fördermittel den Fortschritt zu beschleunigen? Ist die Industrie an diesem Projekt involviert?
Schui: Vor 40 Jahren hieß es, die “Fusionsenergie” werde in 40 Jahren zur Verfügung stehen. Heute wird sie wieder als Lösung aller Probleme angepriesen, allerdings wieder erst in 40 Jahren. Seit Jahrzehnten fließen hunderte Millionen Euro Forschungsmittel in die Fusionsforschung. Wo ständen wir heute, wenn dieses Geld stattdessen in die Forschung zu erneuerbaren Energien und Energieeffizienz geflossen wäre? Wir sind strikt gegen eine Ausweitung der Fördermittel für die Kernfusionsforschung. Die Forschungsmittel können in anderen Bereichen der Energieforschung viel sinnvoller eingesetzt werden.
Linktipps
- Interview Teil 1 Rolf Hempelmann
- Interview Teil 2 Kerstin Andreae
- Interview Teil 3 Dr. Georg Nüßlein
- Interview Teil 4 Gudrun Kopp
- Die Homepage von Herbert Schui
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